M a r g i t   N o b i s
ORIENTALISMANIA
Imagerie Arabesque

Margit Nobis, „Abbas Mirza“, 2013

opening November 7, 2013   6 – 8 pm
Introduction by Lucas Gehrmann   6:30 pm

duration January 11, 2014

VIENNA ART WEEK

Guided Tour in the white8
with curator Günther Oberhollenzer
Sat, Nov 23 3 pm

AUDIENCE – Paul Schneggenburger/Bastian Schwind
Publikumsfoto
Sat, Nov 23, 5 – 8 pm

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Margit Nobis
ORIENTALISMANIA
Imagerie Arabesque

Bereits als Wortspiel „ornamental“ angelegt – ein potenzieller Ismus, gekoppelt mit dem Orient, als Talisman getarnt und ausgewiesen als Manie oder östliches (Ei)Land …, gibt eng verschlungene Rätsel auf –, zieht sich die Orientalismania von Margit Nobis wie ein arabischer Teppich über die Schaufenster der Galerie white8 bis hinein in den Ausstellungsraum und verwandelt dessen üblicherweise minimalistisches White-cube-Ambiente in das eines Palastkabinetts aus Tausendundeiner Nacht. Hier nämlich werden Bilder gezeigt, welche die in das außen befindliche Ornament integrierten Embleme wieder aufnehmen bzw. deren inhaltliche Grundlage beleuchten. „Insofern kann man das Konzept der Ausstellung als ‚Erzählung der Scheherazade‘ begreifen: 1001 Bilder ziehen den Betrachter in den ‚Bann des Orient(alismu)s‘“, sagt Margit Nobis.

Als „Orientalismus“ wird in der Kunst- und Kulturgeschichte jener verklärende eurozentrische Blick des 18. und 19. Jahrhunderts auf die – exotisch-sinnlich dargestellte – islamische Welt bezeichnet, der z.B. in der Malerei der „Orientalisten“ wie Eugène Delacroix, A. D. Ingres oder Gustav Bauernfeind seinen Höhepunkt fand. Wie indes ist der heutige westliche Blick auf den „Orient“ konnotiert? Die nach „9/11“ von George W. Bush & Co. quer durch Asien gezogene „Achse des Bösen“ hat das alte romantisierende Klischee vom Orient in ein neues, von Emblemen des Terrors und der Angst gepflastertes (Medien-)Bild verwandelt. Und länger schon ist Aladins Wunderlampe in den Besitz mächtiger Ölscheichs gelangt, die mit ihrer Hilfe die Barrel-Preise in schwindelnde Höhen treiben …

Margit Nobis spricht diesen „Turn“ unseres Orient-Bildes in ihren arabesken Bild-Erzählungen nicht explizit an, sehr wohl aber behandelt sie konzeptuell die Frage nach dem Verhältnis von „Dichtung und Wahrheit“ bildsprachlicher Formulierungen. So wie schon in einigen ihrer früheren, größere Wandpartien rapportartig überziehenden Arbeiten, kombiniert sie auch hier (Wand-)Ornamente mit diese überlagernden Bildern, was eine von der Künstlerin wie folgt beschriebene Ambivalenz entstehen lässt: „In der Verbindung mit einem großflächigen, auf Motivwiederholung angelegten Sujet, kann das beigeordnete Bild einen noch intimeren Raum erzeugen, setzt es doch das ‚Ganze‘, das unendliche Ornament, inwendig fort. Selbst der Bilderrahmen begrenzt nur das Medium, nicht aber den Rapport. Indem das Bild das darstellt, was sein gegenwärtiger Hintergrund ist, ist es eigenwillig ‚hyper-real‘ und überpräsent – und gleichzeitig nur Tarnung: ein selbstbezogenes Trompe-l‘oeil, das neben dem zaubrisch-illusionistischen Aspekt auch immer wieder auf visuell amüsante Weise die Frage nach einer Kausalkette von ‚Schein und Sein‘ anregt.

Die „arabeske Imagerie“, die uns Margit Nobis in ihren Arbeiten darbietet, vermag darüber hinaus auch der landläufigen Verwechslung von Ornament und Dekor anschaulich vorzubeugen. In seiner Grundbedeutung im Altgriechischen nämlich bedeutet Ornament so viel wie „Ordnung, Gefüge der Welt; außerdem im erweiterten Sinn auch die Ausstattung der Welt mit Lebewesen.“ (Günter Irmscher) Und dem sich ins Bild- bzw. Zeichensprachliche niedergeschlagenen Ornament kam in der Antike überdies eine ausgezeichnete Stellung zu, „weil das Ornament aus dem Nutzzusammenhang der Lebenserhaltung herausgelöst ist, gleichwohl aber den Lebensabläufen – sie unterbrechend – spielerisch folgt.

Seine Nähe und Distanz zum Leben eröffnet einen eigenen ästhetischen Spielraum, der nicht der Selbsterhaltung durch Handlung, sondern dem Selbstgefühl einen Ort gibt. Die erkennende Selbstbegegnung im genussvollen Anschauen …“ (Günter Oesterle)

Während Letzteres vom Publikum der Galerie white8 vollzogen werden wird, fertigt der Fotograf Paul Schneggenburger an einem Novembertag während der Vienna Art Week innerhalb und außerhalb der Galerie jeweils ein „Publikumsfoto“. Die Belichtungszeit dieser Aufnahmen ist so lange wie die Dauer des Publikumsbesuches – also bis zu einigen Stunden. Schemenhaft nurmehr erscheinen die Besucher auf den dann belichteten Bildern, die im Anschluss an Margit Nobis’ Orientalismania im wieder weißen Cube des Galerierums zu sehen sein werden – und ihre eigene Geschichte erzählen über das Verhältnis von Statik und Bewegung, über die Veränderung auch von inneren Bildern, wenn neue und andere Bilder es zu überlagern beginnen … 

-Lucas Gehrmann